Es muss leider sein, ein Kommentar zum diesjährigen Eurovision Song Contest. (Heißt der eigentlich auch offiziell nicht mehr Grand-Prix d’Eurovision de la Chanson? Das war stilvoller…)
Wir haben ihn jedenfalls auch dieses Jahr wieder gesehen, inklusive der Vorberichterstattung und der After-Show-Party aus Hamburg. Wir haben sogar Thomas Hermanns ertragen. Allerdings musste auch dieses Jahr wieder eine Flasche Rotwein dran glauben, damit das ganze irgendwie erträglich wird. Wer möchte schon nüchtern das Rumgesinge von irgendwelchen Sängerinnen die den Vorentscheid schon nicht bestanden haben ertragen, oder sich das persönliche Eurovision-Best-off von Nicole antun?
Eigentlich war es ein Wunder, dass in der Weinflasche noch was drin war, als dann endlich der Hauptteil des Abends begann, übertragen aus dem reizenden Belgrad. Das letzte mal, dass wir uns an Belgrad in der Prime-Time erinnern, war ca. vor zehn Jahren, als wir Bomben drauf geschmissen haben. Dafür sieht es da erstaunlich schick aus! Und da ja leider das Kosovo nicht mitgemacht hat, war der Abend irgendwie politisch gesehen völlig langweilig. Aber Politik ist ja auch nicht Kern der Veranstaltung.
Kern der Veranstaltung war doch sein Land möglichst bis auf die Knochen zu blamieren und dafür von Nachbarländern, die einen trotzdem mögen, Punkte zu bekommen. So gesehen hat Russland aber mal sowas von verdient gewonnen! Ein schmalziger Kuschelrocker mit offenem Hemd und ohne Schuhe (armes Land!) umkreist von einem einfach nur unsagbar hässlichen Eiskunstläufer, der krampfhaft versucht grazil zu wirken, was aber dank seiner Knollennase total schief geht. Dazu im Hintergrund eine teure Geige aus dem 16. Jahrhundert, die eigentlich auch völlig überflüssig war und dann auch noch ein englischer Liedtext, bei dem man sich wegen des starken Akzents ständig fragt, ob das noch Englisch ist, oder ob er spontan ins Russische gewechselt hat. Alles in allem eine große Leistung, unser bisheriges Russlandklischee (Vodka, gelenkte Demokratie, Atomsprengköpfe) ist um einige Facetten reicher geworden!
Aber auch ganz weit vorne mit dabei: Frankreich! Die ehemalige Grande Nation wartete bis dato immer mit relativ erträglichen, auf französisch gesungenen Chansons oder ähnlichem auf. Jedenfalls konnte man sich immer drauf freuen mal zur Abwechslung wieder einige Wortfetzen zu verstehen. Nicht so dieses Jahr. Selbst Frankreich meint neuerdings auf Englisch singen zu müssen. Ein Skandal, die französische Regierung hat völlig zu Recht protestiert. Schon alleine deswegen weil der Sänger eigentlich kein Englisch konnte! Jedenfalls war es fast noch schwieriger den englischen Text zu verstehen, als in den Jahren zuvor den in Französisch — und bei uns nicht-wirklich frankophonen England-Liebhabern will das was heißen!
England ignorieren wir hier übrigens einfach mal. Lustig war nur, dass der irgendwie generell etwas geschmacksverirrte Kommentator ernsthaft meinte, das wäre ein Titel mit reellen Siegchancen! (Es kommt einem so lächerlich vor, dass man sich fragt ob er das wirklich gesagt hat, oder ob wir uns das einbilden; hat es wer aufgezeichnet?!)
Jedenfalls kommen wir schließlich, es lässt sich nicht vermeiden, zu Deutschland. Jeher ein Top-Favorit bei Grand-Prix. Zunächstmal: Wir fanden die No Angels schon immer richtig schlecht. Platte Songs, unsympatische Figuren, Casting-Band eben. Wir haben uns auch die ganze Zeit gefragt, ob es denn in diesem ganzen Land wirklich sonst niemanden gegeben hätte, den man an ihrer statt hätte da hin schicken können. Wir haben uns aber auch die ganze Zeit darauf gefreut, dass Deutschland mal wieder in Bausch und Bogen untergeht. Und wenn wir die 12 Punkte auch Bulgarien abziehen, die eigentlich nur noch peinlich waren, dann haben wir das auch dieses Jahr mal wieder geschafft!
Eine mögliche Erklärung wäre evtl, dass sie so unglaublich farblos und langweilig sind. Musikalisch gesehen würden wir mal behaupten wollen, lagen sie sogar noch im guten Mittelfeld, aber es erinnert sich niemand an sie. Aber nach Größen wir Roger Cicero und Gracia (erinnert sich noch jemand?) ist man öde Auftritte aus Deutschland ja gewöhnt. Selbst Gildo Horn war zehnmal cooler als die oben genannten Künstler zusammen!
Es gibt also zwei Möglichkeiten mal wieder den Grand-Prix zu gewinnen: Wir könnten einerseits einen 43 Mann starken Chor schicken, der aus jedem der Teilnehmerländer ein Mitgleid enthält um den Lucy-Effekt zu nutzen, oder andererseits mal wieder einen wirklich guten Interpreten aussuchen, der sowas wie einen Wiedererkennungswert hat und nicht irgendeine Castingband die irgendein Lied singt und eigentlich auch keinerlei Bezüge zu dem Land hat, für das sie antritt. Oder fällt irgendwem eine Band oder ein Interpret ein, der noch austauschbarer und farbloser ist als die No Angels?
Wir freuen uns jedenfalls aufs nächste Jahr in Moskau. Wann war Moskau noch gleich das letzte mal in den Schlagzeilen? Journalistenmorde? Kalter-Kriegs-mäßige Drohgebärden wegen irgendwelcher Raketenschilde in Polen? Zugedrehte Gashähne wenns nicht nach dem Kreml geht? — Hach wird das schön, Der Grand-Prix in Moskau, die Olympiade in Peking und die WM in Südafrika. Irgendwie kann man die dritte Welt richtig gern haben, wenn man sie erstmal kennengelernt hat!